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Einfach zum Nachdenken

EINBRUCH IN DIE FREIHEIT

Achtsamkeit ist nicht das gleiche wie Konzentration. Konzentration ist Ausschließung. Achtsamkeit, die umfassendes Gewahrsein ist, schließt nichts aus. Achtsamkeit bedeutet rückhaltlos hinschauen, mit voller Aufmerksamkeit, mit ganzem Sein, mit allem, was an Ihnen ist, mit Ihren Augen, Ihren Ohren, Ihren Nerven. Sie werden mit vollkommener Selbsthingabe beteiligt sein, und dann ist kein Raum mehr für Furcht vorhanden, kein Raum für Widerspruch, dann ist kein Konflikt mehr möglich. Ein solcher Zustand der Aufmerksamkeit ist geballte Energie. In diesem Gewahrsein reagiert Ihr ganzes Wesen augenblicklich.

In der Konzentration nehmen wir weder die äußeren noch die inneren Dinge wahr. Wir sind auf eine Vorstellung, Aufgabe, ein Ziel, Funktion fokussiert. Mangel an Achtsamkeit kommt daher, dass wir so sehr mit uns beschäftigt sind, mit unseren nichtssagenden kleinen Problemen, unseren Gedanken, unseren Vorstellungen/ Bildern, unseren Vergnügungen, Plänen und ehrgeizigen Bestrebungen, so dass wir nicht unbefangen sehen können – und doch sprechen wir sehr viel über Bewusstheit.

Einen Menschen mit all seinen Schwierigkeiten zu verstehen suchen, heißt: Sie müssen Ihre ganze Aufmerksamkeit, die ein unmittelbares Gewahrsein ist, dafür hingeben. Und Sie können das nur tun, wenn Ihnen daran etwas liegt, wenn es Ihnen zutiefst um das Verstehen zu tun ist, dann geben Sie Herz und Geist daran.

Verstehen ist kein intellektueller Prozess. Wissen ist ansammeln, in der Vergangenheit sein, beladen sein von Erinnerungen, Erfahrungen! Wissenschaft ist ansammeln und in Erinnerung behalten und es wäre töricht immer wieder von Vorne zu beginnen.

Im psychologischen seelischen Bereich hingegen lernen Sie sich selbst immer nur in der Gegenwart kennen, während das Wissen immer der Vergangenheit angehört. Aber wenn sie jederzeit lernen, in jeder Minute lernen – wenn Sie lernen, während Sie beobachten, lauschen, während Sie sehen und handeln; dann werden Sie finden, dass das Lernen eine ständige Bewegung ohne Vergangenheit ist. Lernen erfordert eine große Sensitivität.

Sie sind aber nicht einfühlsam, wenn sie eine Vorstellung haben, die der Vergangenheit angehört und die Gegenwart beherrscht. Dann ist der Geist/Verstand nicht mehr lebendig, geschmeidig, wachsam; nicht einmal körperlich – die dem Organismus innewohnende Wachsamkeit wird abgestumpft. Wie soll der Geist wach, empfindsam, klar sein, wenn der Organismus träge und schwerfällig ist? Wir mögen in gewissen Momenten, die uns persönlich berühren, sensitiv sein; um sich aber in alle Verflechtungen des Lebens einfühlen zu können, darf es keine Trennung zwischen Körper und Seele geben – sie sind in ihren Regungen ein Ganzes. Um etwas zu verstehen, müssen Sie damit leben, Sie müssen es beobachten, seinen ganzen Inhalt, seine Natur, seine Struktur, seine Strebungen kennen. Um uns selbst zu verstehen, bedürfen wir auch großer Demut. In dem Augenblick…

  • indem Sie etwas erreicht haben, verlieren Sie Unschuld und Demut
  • da Sie sich gedanklich festgelegt haben oder aus Ihrem Wissen heraus anfangen zu prüfen, ist es mit dem Lernen vorbei;

denn dann deuten Sie alles Lebendige nach alten Begriffen. Wenn Sie hingegen keinen Rückhalt haben, wenn keine Sicherheit da ist, keine Zweckerfüllung, dann haben Sie die Ungebundenheit zu schauen und zu schaffen. In dieser Freiheit ist alles neu.

 

WUNSCH UND WILLE

Dem „Wunsch“ verdankt der „Wille“ die Wärme, den Inhalt, die Einbildungskraft, das Spielerische, die Frische und den Reichtum. Der „Wunsch“ verdankt dem „Willen“ die Selbsterneuerung und die Reife. Der „Wille“ schützt den „Wunsch“ und ermöglicht es ihm weiter zu existieren, ohne zu große Risiken einzugehen. Aber ohne „Wunsch“ verliert der „Wille“ seine Vitalität und Lebensfähigkeit und ist in Gefahr, sich in Widersprüche zu verstricken. Wenn man nur „Wille“ und keinen „Wunsch“ hat, dann hat man es mit dem vertrockneten, viktorianischen, neopuritansichen Menschen zu tun. Wenn nur ein „Wunsch“ und kein „Wille“ vorhanden ist, hat man den zwanghaften, unfreien, kindlichen Menschen vor sich, der als infantil gebliebener Erwachsener zum Roboter werden kann. (zit. Rollo May aus Liebe und Wille)