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Das innere Kind

Im Leben des Kindes gibt es besondere Phasen der Empfänglichkeit, in denen sich der existentielle Moment der Empfängnis besonders stark vergegenwärtigt. Sie sind vorübergehend und dienen jedes Mal dem Erwerb einer bestimmten Fähigkeit. Als Erwachsene haben wir der Frage nachzuspüren, ob sich auch das Kind in uns vor einer früheren Schwelle verbirgt, und wenn ja, vor welcher. Zu ihr führt die Spur des verborgenen „göttlichen“ Kindes. Hier liegt die Verheißung unserer Lebendigkeit.

Schellenbaum nennt solche Schwellen „Energieklippen“, weil die Lebensenergie an ihrem Ort entweder sich beschleunigend, nach vorne in die Strukturierung einer neuen Selbstgestalt schießt oder ohne Ausweg gestaut wird.

Wenn wir im Laufe einer sensiblen Periode – vor einer Energieklippe – das Kind aus dem Gefühl verloren haben, entsteht Abhängigkeit. Die Wahrnehmung von Lebensimpulsen verflüchtigt sich. An die Stelle tritt Instinktlosigkeit für den eigenen Lebensplan, für das jetzt Angezeigte und von innen her Geforderte.

Dann fühlen wir uns auf äußere Wegweiser angewiesen und verlieren uns in übermäßiger Anpassung an sie.

Statt kindlich zu bleiben, werden wir unselbständig und bedürftig. Da wir unsere Beziehungsperson unbedingt brauchen, müssen wir sie manipulieren und kontrollieren. Um jeden Preis wollen wir sie behalten/besitzen. Zur Manipulation sowie Kontrolle der anderen sind uns viele Mittel recht: Wut, Vorwürfe, Anklagen, Schmollen/Trotz, appellative Resignation, Moralpredigten, Rechtfertigungsversuche, Umsorgen, Anpassungsbereitschaft, Verleugnung, Verdrängung, Selbsterniedrigung etc.

Unser Abhängigkeitsspiel funktioniert nur, wenn die anderen mitspielen, d.h. sich ebenfalls von uns abhängig machen, etwa von unserer Bedürftigkeit und Ohnmacht, um sich selbst – stark und mächtig zu fühlen.

WOHLVERSTANDEN: Es ist nicht das Kind in uns, das abhängig ist und die Co-Abhängigkeit der Bezugsperson braucht, sondern der „Erwachsene“ in seiner Verlorenheit ohne das Kind: ohne das differenzierte Gespür für die „wahre“ Empfindung, ohne Instinkt für das, was ihm Not und wohl tut, also ohne das, was uns in Kontakt mit gesunden Kindern so befreiend zum Gefühl und zum tieferen Wissen über uns selbst bringt.

Wir haben die Tatsache vergessen, dass wir das Kind zurückgelassen haben und somit auch die Umstände, unter denen dies geschah. Auch das Wissen ging uns verloren, dass das verborgene Kind, das wir tot glauben, heil und unversehrt ist: Zu seinem eigenen Schutz musste es zurückbleiben, und erweist sich gerade in seiner notwendigen Verborgenheit als das ewige, mächtige, göttliche Kind, als intakte, wenn auch im Moment nicht verfügbare Entwicklungsinstanz.

ABHÄNGIGKEITEN: Die Eigenarten der Abhängigkeiten ergeben sich aus den verschiedenen Entwicklungsstadien, in denen die Abhängigkeiten und somit der Verlust des existentiellen Moments der Empfänglichkeit eingesetzt haben, sowie aus den Besonderheiten des Familiensystems. Die erste Auswirkung von Abhängigkeit bezieht sich auf das Gefühl völliger Bedürftigkeit, Hilflosigkeit und Ohnmacht auch in Situationen, in denen die Fähigkeit zu deren Bewältigung durchaus vorhanden und Eigenverantwortung und Tatkraft gefordert wären. Bleiben wir in der Trotzphase (anal), in deren Reaktionsweisen stecken, dann machen wir uns von den Menschen abhängig, gegen die wir uns wehren: Unser ganzes Fühlen, Denken, Planen ist auf sie fixiert. In der Abwehr sind wir im gleichen System gefangen wie sie. In zwanghafter Hartnäckigkeit, hartnäckigen Vorwürfen, hartnäckiger Verfolgung der Eltern, scheinbare Unabhängigkeit, etc., dies allerdings ohne klare „Erwachsen-Energie“, welche vor allem innere Auseinandersetzung fordert, dank der sich die infantile Anspruchshaltung schließlich in innere Bereitschaft zu Abschied, Freiheit und Aussöhnung wandeln könnte: „Mensch in der Beziehung und zum Jetzt“.

Verachtung dient der Abwehr der unerwünschten Gefühle. Diese führen ein Schattendasein in der Einsamkeit. Das Kind in seiner emotionalen Frische und Direktheit sowie Lebendigkeit wartet in der Verbannung. Abgelehnte Gefühle wie Neid, Schmerz, Scham über die unbeantwortete Werbung um den gegengeschlechtlichen – wie die Insuffizienzgefühle in der Rivalität mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und vor allem die narzisstische Wut über die Nichtverfügbarkeit des Objektes.

Erleben wir später, in welcher Begegnung auch immer, das gleiche quälende, zersetzende Gefühl von Verachtung, so können wir davon ausgehen, dass wir gerade von dem Menschen geliebt werden wollen, den wir verachten. Allerdings merken wir dies nicht, weil wir uns dieser Bedürftigkeit wegen selbst verachten und auch diese Selbstverachtung verdrängen. Die Kenntnis dieser Zusammenhänge reicht nicht aus, um wieder in den Kontakt mit dem „heilen“ Kind in uns, zu treten. Diesem ist die Verachtung fremd, weil sie kein ursprüngliches Gefühl bedeutet, sondern der Abwehr der momentan stärksten wahren Empfindung dient. Taucht die narzisstische Verachtung in einem Spontanritual auf, macht sie früher oder später dem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit Platz.

SUCHT-ABHÄNGIGKEIT: Der süchtige Mensch sucht die Flussqualität kindlicher Existenz nicht auf dem geduldigen inneren Weg kontinuierlichen Spürbewusstseins, sondern durch die Übersprungshandlung eines Raubes. Er versucht, des „heilen“ Kindes und seines natürlichen Flusses habhaft zu werden, indem er durch künstliche z.B. chemische Mittel die Entfremdungen, Erstarrungen, Verkrampfungen und zwanghaften Verstrickungen der Erwachsenenwelt vorübergehend auflöst. Eben darin zeigt er seine übermächtige Abhängigkeit von dieser. Je mehr er die künstliche Verflüssigung sucht, desto mehr macht er sich zum abhängigen Opfer, nicht nur vom süchtigen Rausch, sondern auch von der Welt, die das Kind verstoßen hat.

Bei Drogensüchtigen zeigt sich dieser Widerspruch augenfällig darin, dass sie von eben dieser Welt Sozialhilfe in Anspruch nehmen, vor der sie flüchten. Das Wort „Sucht“ wird irrtümlich volksetymologisch mit dem Wort „suchen“ in Verbindung gebracht. Sucht bedeutet einen Raum der Krankheit, der Abhängigkeit offenbart. Es hat den gleichen Wortstamm wie das Wort „siech“ und bedeutet „krank sein“. Solange das „heilige“ – „heile“ – Kind verborgen bleibt, ist der süchtige Mensch anlehnungsbedürftig statt bezogen, lenkbar statt verbunden, ungeduldig statt kreativ, gereizt und missgelaunt statt in der wahren Empfindung. Woraus besteht diese Empfindung? Zunächst die Empfindung unerträglicher Leere. Die innere Leere auf welche Weise auch immer zu füllen, ist ja das Ziel jeder Sucht.

Um Leere zu vermeiden, tun die Menschen viel: Nicht hinsehen, nicht fühlen – sie arbeiten zuviel, sie essen, trinken zuviel, sie rauchen, nehmen Tabletten, sehen fern etc.. Das mangelnde Einverständnis in die eigene Geburt bedeutet auch, sich der Mit- und Umgestaltung der Welt zu verweigern.

THERAPEUTISCHE REGRESSION hat die Funktion die spürbewusste Ekstase zu fördern, diese sorgt von alleine dafür, dass die Regression nicht weiter als nötig zurückgeht d.h. sicher nicht weiter, als das Spürbewusstsein reicht. Der existentielle Moment der Empfängnis erfordert nicht eine möglichst weitgehende Regression, sondern ungeteiltes Dasein. Die im Wesentlichen unverstellte direkte Wahrnehmung der eigenen Wirklichkeit wird nun möglich. Dann liegt unser einziger wirksamer Schutz in der Wahrhaftigkeit unseres Selbstausdruckes. Dessen Ausstrahlung schafft eine unsichtbare, dichte „Persönlichkeitsschicht“ um uns herum, in die Fremdes nicht so leicht eindringt. Die spürbewusste Regression strukturiert sich selbst.

ERWACHSENE „LEBENSWEISHEITEN“ VERINNERLICHEN ODER DES KINDES INNEWERDEN

Das Sanskritwort für das deutsche Wort – Erleuchtung bedeutet wörtlich übersetzt Erwachen. Erleuchtung meint im Buddhismus Wahrnehmung ohne Schleier der Maja, ohne Verschleierung Erwachen im reinen Geschehenlassen. Es gibt ein Gesetz auf dieser Weit, das vielleicht grausam, doch vielleicht auch sehr weise ist und zwar, dass etwas dann geschieht, wenn man sich nicht mehr wünscht, dass es geschehen soll. Dieses Gesetz ist Ausdruck unseres Erlebens im existentiellen Moment der Empfängnis. „Berufung“ ist der theologische Begriff/Ausdruck für Individuation, d.h. Selbstwerdung als einzelner.

ANGST als Begleitemotion eines Entwicklungsschrittes – Angst als beengende, Lebenshemmende innere Macht . Viele so genannte Lebensweisheiten sind aus einer solchen Angst, die zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen führt, geboren. Diese Angst führt zu übermäßiger Vorsicht, die weit über das hinausgeht, was von schwierigen Übergangssituationen her geboten ist – „Lieber nicht leben als Schmerz erleiden“. Nun gehören Schmerz, Abschied, Trauer und Tod, Enttäuschung und Kränkung zum menschlichen Leben in seiner natürlichen Begrenzung. Angst will Leiden bannen – und bannt das ganze Leben.

Alles was das Kind an unpassenden Haltungen, Reaktionen, Auffassungen des Erwachsenen verinnerlicht, tut es aus Angst, deren Liebe und Schutz zu verlieren. Das „göttliche“ Kind dagegen, hat als wichtigste Eigenschaft unerschrockene Bereitschaft, sich dem Leben auszusetzen und das Nötige durchzustehen.

Das seelische Moment aktiver Empfänglichkeit, zu dem das Einstimmen mit eigenem Tun in das Empfangende, d.h. in das als Lebenssignal/-impuls Wahrgenommene gehört, ist bei ihnen der Verknöcherung und Verpanzerung aus Angst gewichen.

INDIVIDUATION: Die zweite Geburt im Erwachsenen hat direkte Bedeutung wie die Entstehung der Urzelle (Spermien- u. Eizellen-Verschmelzung), nämlich das Empfangen des eigenen Lebens. In der Entstehung der Urzelle ist dieses Empfangen biologischer, in der 2. Geburt existentieller Art. Deshalb ist der biologische Moment der Empfängnis das prägende Urmuster für den existentiellen Moment der Empfängnis. Die zweite Geburt ist Vollzug des in der biologischen Entstehung der Urzelle Grundgelegten (Potential).

Die Spur des verborgenen „göttlichen“ Kindes (Schellenbaum) bleibt für uns immer eine bloße Spur. Selbst in der buddhistischen Lehre besteht der Sinn der Wiedergeburt nicht darin, in vielen Leben alles Menschenmögliche auszukosten, sondern frei zu werden vom Gesetz von Ursache und Wirkung zugunsten des Eingehens ins Nirwana, d.h. wörtlich in das Erlöschen der Lebensgier. Diese wurzelt in der Revolte gegen die natürliche Begrenztheit. Ihr Erlöschen, ermöglicht eine Flussexistenz, in der wir nicht mehr diesem oder jenem anhaften. (tabu = im polynesischen bedeutet „heiliger Ort“ = innerer Raum/Stille)

Hermes, griech. Gott und Heiler = Chiron der 1. verwundete Arzt u. Heiler. Als männlicher, phallischer Gott betont Hermes die zur Rettung des (göttlichen) Kindes benötigte Aktivität, das Eindringen in gefährliche Zonen, an deren Grenzen wir Gefahr laufen, von Passivität gelähmt zu werden. Zentriert im existentiellen Moment der Empfängnis, stimmen wir zeugend in das Empfangende ein. Dieses Paradoxon erhellt sich aus dem Spürbewusstsein – in ihm sind Wahrnehmen und Wahrgeben untrennbar verbunden, und keines kommt vor dem anderen. Da Spürbewusstsein leibliches/körperliches Spüren ist, dieses sich jedoch nur im lebendigen Austausch von Nehmen und Geben ereignet, bedeutet spürbewusstes Dasein sich gleichzeitig empfangendes und zeugendes Dasein.

Der Gang in die Einsamkeit und Absichtslosigkeit, in den Verzicht auf Gebrauchsanweisungen und Rezepte lässt das Kind in uns gedeihen. Unser Tun/Handeln wird nur dann schöpferisch, wenn es sich nicht nach äußeren Wertmaßstäben und Erfolgsmodellen richtet. Folgen wir einem spürbewusst wahrgenommenen Energiesignal, so erleben wir die Freiheit des Ursprungs in einer Atmosphäre von Erleichterung, Stimmigkeit und Sinn.